Mehr Sein als Schein  - Warum eine gute Adipositastherapie nicht durch Bilder dokumentiert werden kann und sollte

Mehr Sein als Schein - Warum eine gute Adipositastherapie nicht durch Bilder dokumentiert werden kann und sollte

Faris Abu-Naaj für Adipositas München

Immer wieder stoße ich bei der Recherche für meinen Ratgeber „Schlank durch OP“ auf Bilder, die versuchen, den hohen technischen Standard einer medizinischen Einrichtung und ihrer Mediziner durch professionelle Hochglanzbilder von Hightech-OP-Sälen oder neuesten Gerätschaften zu dokumentieren. Eine Entwicklung, die ich aus Patientensicht mit einer gewissen Sorge verfolge, getrieben von der tiefen Überzeugung, dass weder ein erfolgreiches therapeutisches Konzept noch die Qualität in der Behandlung durch Bilder treffend dargestellt werden können. Darüber hinaus können diese Bilder sowohl der Komplexität der Erkrankung selbst als auch dem hohen Aufwand der Therapie nicht gerecht werden.
Ein abgelichteter OP-Saal (sei er auch noch so schön in Szene gesetzt und mit der neuesten Technik vollgestopft) sagt nichts über die Expertise des Chirurgen oder das therapeutische Netzwerk, das hinter diesem Zentrum steht, aus.

Zweifellos hat die Adipositaschirurgie in den letzten Jahren erhebliche technische Fortschritte erzielt, jedoch betrifft dies im Wesentlichen die Entwicklung der minimalinvasiven Chirurgie und den Aufbau eines interdisziplinären Netzwerks. Selbstverständlich gehört hierzu auch die bildgebende Technik und weitere Entwicklungen in der Medizintechnik, die fotografiert werden können.
Allerdings ist es für uns Patienten schwierig, anhand des neuesten OP-Turms im Bild die Qualifikation und Kompetenz eines Zentrums zu beurteilen. Viel wichtiger ist es, Informationen darüber zu erhalten, welche unterschiedlichen OP-Verfahren angewandt werden und ob dem Patienten vor – aber vor allem auch nach – einem bariatrischen Eingriff ein breites Netzwerk von Medizinern und Therapeuten zur Verfügung steht. Dazu gehört auch eine transparente Auskunft über die Regelungen und Finanzierungen der lebenslangen Nachsorge für die Patienten. All dies kann meiner Ansicht nach nicht in Bildern dargestellt werden.

Deshalb bin ich der Überzeugung, dass in der Außendarstellung eines Adipositaszentrums und vieler anderer Medizinbereiche immer die Kompetenz der behandelnden Personen und nicht die Technik im Mittelpunkt stehen sollte.

Natürlich ist es von Bedeutung, ob Zentren und Chirurgen über ein modernes OP-Equipment und eine angemessene Ausstattung für die betroffenen Adipositaspatienten verfügen. Dies wird jedoch viel umfassender und deutlicher durch eine entsprechende Zertifizierung der Chirurgischen Arbeitsgemeinschaft Adipositastherapie und metabolische Chirurgie (CAADIP) dargestellt und nicht durch die Professionalität und Perspektivwahl eines Fotografen!

Die Zertifizierung richtet sich nach klaren Vorgaben, die neben dem Vorhandensein einer entsprechenden Technik und Ausstattung auch im hohen Maße die Expertise der Mediziner und Therapeuten, das Komplikationsmanagement, die Dokumentation und viele weitere Faktoren berücksichtigen. Darüber hinaus wird die entsprechende Prüfung nicht nur aus der Ferne von der Fachgesellschaft vorgenommen, sondern erfolgt „vor Ort“ durch ein sogenanntes Audit. Im Rahmen dieses Audits besucht ein Spezialist das zu zertifizierende Zentrum. Dort prüft er die jeweiligen Prozesse sowie die Erfüllung der durch die Fachgesellschaft gestellten Anforderungen und Richtlinien und dokumentiert anschließend seine Ergebnisse.

All dies sollte sowohl für die Patienten als auch für die Mediziner einen viel höheren Stellenwert haben als die Auswahl bunter Bilder.

Ihr Faris Abu-Naaj

Faris Abu-Naaj

Autor des Ratgebers „Schlank durch OP“


Autorenfoto: Frank Adelhardt, Feine-Pixel Fotografie
Beitragsfoto: © marionbrun / Pixabay

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