Kein Land in Sicht für die MS Adipositas!

Kein Land in Sicht für die MS Adipositas!

Eigentlich sitzen alle beim Thema Adipositas in einem Boot! Doch die Realität sieht anders aus.

Ein Blogbeitrag von PD Dr. Günther Meyer und Dr. Min-Seop Son – Zentrum für Adipositas und Metabolische Chirurgie in München Gräfelfing.

Adipositaspatienten

Adipositaspatienten leiden sowohl gesundheitlich als auch psychisch unter einer chronischen Stoffwechselerkrankung und den häufig damit verbundenen Folgeerkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes Typ 2, dem Schlafapnoe Syndrom, einer Fettleber oder Atherosklerose. Auch das Risiko für viele Krebs- oder Herzerkrankungen ist bei Adipositaspatienten nach aktuellen Studien- und Forschungsergebnissen stark erhöht.
Hinzu kommt für viele der betroffenen Patienten eine starke psychische Belastung, die häufig Depressionen verursacht oder diese zumindest begünstigt.
Viele der Patienten benötigen klare Therapieempfehlungen und eine verlässliche Kostenzusage, um Therapiemaßnahmen wie die Ernährungsberatung, Verhaltens- oder Bewegungstherapie oder auch eine Magenverkleinerung (bei besonders stark übergewichtigen Menschen) umsetzen zu können.

Mediziner und Therapeuten

Mediziner und Therapeuten erhalten von Politik und Krankenkassen keine transparenten und verlässlichen Kostenzusagen im Bereich der konservativen oder chirurgischen Therapie dieser Krankheit. Übrigens hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) diese Erkrankung als die „größte gesundheitliche Herausforderung für die Industrienationen“ bezeichnet. Regionale Unterschiede im Bereich der Therapieempfehlung und der Kostenübernahme sind keine Ausnahmen, sondern die Regel. Stellt die Erkrankung selbst aufgrund ihrer Komplexität die Therapieeinrichtung vor besondere Herausforderungen, so komplizieren die Kassen durch widersprüchliche, regional geprägte Kostenentscheidungen und die Politik durch Ignoranz und Desinteresse die Situation von engagierten Behandelnden.
Dabei haben unterschiedliche medizinische Fachverbände bereits Leitlinien erarbeitet, die sowohl im Bereich der Adipositasprävention als auch in der Therapie die aktuellsten und wirkungsvollsten Behandlungsoptionen dokumentieren und kommunizieren. Diese basieren auf aktuellen medizinischen und wissenschaftlichen Studien und Erkenntnissen. Doch was nützen diese Empfehlungen, wenn sie bei Politikern und bei vielen Kostenträgern „auf taube Ohren treffen“?

Krankenkassen

Krankenkassen werden mit immer höheren Behandlungskosten konfrontiert, die durch Adipositaserkrankungen und die oben genannten Folge- und Begleiterkrankungen entstehen.
Orientiert man sich an den Trendrechnungen der WHO, die für die Entwicklung von Adipositas in Europa einen moderaten Zuwachs bis 2020 annehmen, dann ist allein in Deutschland ein Anstieg der Gesamtausgaben für Adipositas in Höhe von mindestens 25,7 Mrd. € zu erwarten. Die aktuelle Datenlage zeigt jedoch, dass dieser Betrag sicher nicht reichen wird.
Außerdem können viele der betroffenen Patienten aufgrund ihres hohen Gewichts oder der beschriebenen Begleit- und Folgeerkrankungen keiner Vollzeitbeschäftigung nachgehen und fallen häufiger aus. Das geschieht nicht, weil die Betroffenen nicht arbeiten wollen, sondern weil sie es nicht können. Sowohl die hohen Behandlungskosten als auch die Beitragsausfälle belasten das Budget der Kassen schon heute erheblich und werden dies mit steigenden Patientenzahlen in Zukunft noch viel stärker tun.

Politik

Diese Entwicklung belastet die Haushaltskassen von Bund und Ländern und die Kosten werden in Zukunft noch deutlich steigen. Das Desinteresse der Politiker birgt einen gewissen Sprengstoff, denn mittlerweile ist jeder zweite Deutsche übergewichtig und jeder vierte Bundesbürger gilt mit einem BMI von über 30 als adipös. Nicht auszumalen, wenn diese Betroffenen sich organisieren und ihre Unzufriedenheit über die unsichere Rechtslage an der Wahlurne ausdrücken würden! Aber zurzeit profitiert die Politik von einer fehlenden gemeinsamen Struktur von Verbänden, Fachgesellschaften und Medien. Doch auch dies könnte sich mit einem Anstieg der Patientenzahlen und der damit einhergehenden Probleme schnell ändern.

Fazit

Somit ist klar, dass alle Interessengruppen von einer transparenten und verlässlichen Regelung im Bereich der Adipositasprävention und Therapie profitieren würden. Aber statt diesen Sachverhalt zu akzeptieren sprechen Mediziner und Kassen mehr übereinander als miteinander. Auch die Politik zieht den Kopf ein. Leidtragende sind die Patienten, die selbst bei dringender medizinischer Indikation eine Magenbypass- oder Schlauchmagenoperation im Einzelverfahren beantragen müssen und häufig nach Erfüllung aller bürokratischer und therapeutischer Auflagen doch eine Ablehnung erhalten.
Auch die Kosten einer Ernährungsberatung oder Bewegungs- und Verhaltenstherapie werden häufig gar nicht oder nur teilweise erstattet, sodass die Patienten selbst hohe Zuzahlungen leisten müssen, die viele finanziell nicht tragen können.
Im Mai dieses Jahrs war wieder einmal der „Save-a-Life“-Aktionsmonat, in dem wir uns für eine bessere Adipositas-Therapie, mehr Information zu der Epidemie Adipositas und ihrer gesundheitlichen Gefahr und für die Entstigmatisierung von adipösen Menschen eingesetzt haben. Diese Aktion der CAADIP (Arbeitsgemeinschaft Adipositaschirurgie der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie) werden wir als zertifiziertes Zentrum immer wieder mit Engagement aktiv unterstützen und hoffen, dass in naher Zukunft ALLE hier genannten Parteien in eine gemeinsame Richtung segeln – in Richtung einer nachhaltigen Verringerung der gesundheitlichen und wirtschaftlichen Belastung und einer erfolgreichen Adipositastherapie. Damit in Zukunft die Therapie im Vordergrund steht und nicht die Bürokratie.

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